Fin d’Europe? (Update)

June 13, 2008 – 1:32 pm

Die Iren lehnen offenbar den Vertrag von Lissabonn im Referendum ab. Zumindest sieht es nach den aktuellen Zahlen ganz danach aus. Die Presse schreibt schon einhellig vom Ende der EU wie wir sie kennen, einer Katastrophe, und was weiß ich noch was. Aber in der von mir gelesenen Ecke der Blogoshäre, wo sich Bürgerrechtler und Datenschützer und so tummeln, war der Tenor eh schon deutlich anders. Und damit sind sie auch nicht weiter weg von der Wahrheit als die ganzen Politiker, die Hurra schreien und ungelesen alles abnicken, was ihnen vorgelegt wird. Gut, bei 30.000 Seiten Vertragswerk wird schwierig, das alles durchzulesen. Aber damit hat man auch schon den ersten Kritikpunkt am Vertrag: Den kapiert kein Mensch. Und praktikabel ist er anscheinend auch nicht, mit mehreren widersprüchlichen Formulierungen und Zweideutigkeiten und so weiter. Aber warum der Vertrag aus der Sicht eines Demokraten abgelehnt werden sollte, ist auch sofort zu sehen: Weil die Oberen sich einen Scheißdreck um die Meinung der Bevölkerung scheren. Bei uns ist das Plebiszit auf Bundesebene ja sowieso nicht vorgesehen (eine Entmündigung des Bürgers bereits im Grundgesetz, nur so nebenbei). Aber in den anderen Ländern, und speziell erwähnen will ich hier Frankreich und Holland, in denen die Bevölkerung nein gesagt hat, wurde diesmal die Bevölkerung gar nicht gefragt. Sie könnten ja wieder ablehnen. Wie zutiefst undemokratisch das Ganze ist, kann man da sehen. Weitere Kritikpunkte sind, dass sich die Länderparlamente selbst Kompetenzen beschneiden und in Richtung EU abgeben. Der Gauweiler hat ja schon vor dem BVerfG dagegen geklagt, und da stimme ich ein wenig mit ihm überein: Dass der Vertrag auch das BVerfG unterhöhlt geht mal gar nicht an. Gauweiler und sein Vertreter sprechen gar vom Fall des Art. 20 (4) GG, also der Widerstandsartikel, falls jemand das Grundgesetz aushebeln will und keine andere Hilfe möglich ist. Auf jeden Fall: Der Vertrag von Lissabonn macht die Geschichte noch intransparenter und undemokratischer, und wenn durch das Scheitern dieses Vertrags mal ein Denkanstoß gesetzt wird, warum das alles Mist war und wie man das besser für die Bürger Europas hinbekommen könnte, dann hätte das Ganze auch sein Gutes. Ich will eine EU der Bürger und für die Bürger, und nicht von Lobbyisten für Lobbyistenbezahler - also den Großkonzernen. Die verdienen schon genug an der Sache, da könnte man dem Volk auch mal wieder seine Mitbestimmung zugestehen.

Update:
Nach den bisherigen Politikerreaktionen zu urteilen, war die Entscheidung der Iren sogar wünschenswert. Wie arrogant und überheblich diese Herren und Damen aus den Regierungszimmern und Amtsstuben über das einzige demokratische Verfahren zur Legitimation dieses Vertrags abziehen, ist echt schlimm. Überlegt Euch lieber mal, warum das abgelehnt wurde, und wie mans das nächste Mal besser machen kann, als dass ihr da blöd über eine Volksabstimmung herzieht! Mannmannmann.

  1. 2 Responses to “Fin d’Europe? (Update)”

  2. Naja, lieber Esteban. Das musst Du verstehen. Am Beispiel Irland sieht man doch, was passiert, wenn jeder denken, sagen und wählen kann, was er will… Überleg Dir doch mal, was wäre, wenn des olle daadn? Da kannt ja a jeda kemma…
    Zum Glück geht das bei uns in Bayern noch gesittet zu. Da haben wir, ähnlich wie auf Bundesebene, ein paar Damen und Herren gewählt, damit sie eben genau das, was Wählerswille entspräche, nicht tun. Dass mir nur nix schlechts derlem, do passen de scho auf. Jo sogars TV-Programm… man kennts. Oder am Beispiel Regensburg das Bürgerfest. Gut, das wiederum ist bei der momentanen Diskussion ums Komasaufen ja schon fast wieder Jugendschutz bzw. Entlastung der Kassen, wenn man den aktuellen Studien Glauben schenken darf. Aber ich schweife ab.

    Und am besten dazu heute der Kommentar von unserem Frank-Walther: Man könnte ja die Mitgliedschaft der Iren kurzfristig aussetzen. So oder so ähnlich war der Spruch dem Inhalt nach, wenngleich er ihn natürlich sofort relativiert hat. Aber Lösungsvorschläge sollten doch bitteschön kommen, immerhin hat das Inselvolk das ganze ja vermasselt, obwohl sie ausdrücklich und nimmermüde betonen, ein zentrales Mitglied der Gemeinschaft bleiben zu wollen. Was auch immer das bedeuten mag.

    By Onkel Ben on Jun 16, 2008

  3. Letztens hab ich auch was schönes gelesen, von Politikern, dass man ja Demokratie nicht mit der Pöbelherrschaft (Ochlokratie) verwechseln dürfe. Die herrschende Politikerkaste will natürlich alles versuchen, dass ihre Privilegien, nämlich das vermeintliche Sprechen fürs Volk, unagetastet bleiben. Denn bei einer Demokratie in dem Sinne, in dem ich sie bis dato begriffen hatte, nämlich bei der Herrschaft des Volkes (und nicht gegen das Volk) wären Politiker ja eigentlich überflüssig. Und die repräsentative Demokratie wäre eigentlich genaugenommen nur dann eine solche, wenn die Repräsentanten auch weisungsgebunden wären. Aber das war den Vätern des GG wohl zu sehr Räterepublik. Naja, wie dem auch sei - ich glaube nicht mehr an die Legitimation dieses politischen Systems, solange wir kein Plebiszit auf Bundesebene haben. Denn wenn das Volk mitbestimmt, muss man das Volk auch bilden, damit es nicht sofort die Todesstrafe wieder einführt oder ähnlichen Kack. Damit argumentieren die Politiker ja oft. Und deswegen muss das Volk wohl auch, bis auf ein paar Leistungsträger, dumm gehalten werden. Und dieses dumm halten ist wohl auch der Masterplan, den Frau Merkel mit all ihren vergeigten Bildungsoffensiven verfolgt. ODer bin ich da schon wieder zu sehr Verschwörungstheorie? ;)

    By guybrush on Jun 17, 2008

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